Das Musical "Vínland" basiert auf den zwei altisländischen sog. Vínland-Sagas "Grœnlendinga Saga" (Saga der Grönländer) und "Eiríks Saga Rauða" (Saga Eiríks dem Roten). Diese berichten über die Entdeckung Amerikas durch die Nordmänner um das Jahr 1000 n.Chr. und wurden zunächst mündlich überliefert, bevor sie ab dem 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurden. Die Sagas wurden allerdings im Laufe der Zeit immer weiter ausgeschmückt und geben so nicht ganz die historische Wahrheit wieder. In manchen Punkten widersprechen sich sogar die Berichte aus den beiden Sagas, so wie sich das Musical auch die Freiheit nimmt, die eine und andere Geschichte etwas weniger streng zu erzählen.

"Vínland" (Weinland) bezeichnet darin ein bestimmtes neues Land südwestlich von Grönland, in dem wilde Weinstöcke gefunden wurden. Andere neue Länder im Westen sind z.B. "Helluland" (vermutlich die heutige Baffin-Insel) und "Markland" (wahrscheinlich Labrador). Insgesamt wird Vínland verklärt als Land dargestellt, in dem geradezu paradiesische Zustände herrschen: Flüsse voll mit Fischen, Wiesen, in denen man durch Eier watet und auf denen süßer Tau fällt, Getreide, welches ohne Aussaat einfach so wächst und eben Trauben, die den besten Wein geben.

Wo genau dieses sagenhafte Land heute liegt, ist noch nicht hundertprozentig geklärt. Es gibt viele Historiker, die glauben, die 1961 im neufundländischen L'Anse aux Meadows ausgegrabene Wikingersiedlung sei die in den Sagas erwähnte Niederlassung Leif Erikssons, in der auch der zweite Akt des Musicals spielt.

L'Anse Aux Meadows
Abb. 1: Die rekonstruierte Wikingersiedlung "L'Anse Aux Meadows" im Norden Neufundlands. Möglicherweise sind das die sagenhaften "Leifshütten"

In Grönland gab es zu dieser Zeit zwei normannische Siedlungsgebiete: Die kleinere Westsiedlung ("Vestribyggd") in der Nähe des heutigen Nuuk sowie die größere Ostsiedlung ("Estribyggd"), wo auch Brattahlið, der Hof Eiríks dem Roten und Schauplatz des ersten Aktes, liegt. Brattahlið befindet sich in Südgrönland bei der heutigen Ortschaft Qassiarsuk gegenüber dem Flughafen Narsarsuaq.

Abb. 2: Die nachgebaute Kirche Þjódhilds in Brattahlið in Südgrönland.

 Die Kirche Þjódhids in Brattahlið

Die Siedlungen auf Vínland blieben nur wenige Jahre bewohnt. Anscheinend führten Streitigkeiten mit den Ureinwohnern (Micmac- oder Beothuk-Indianer), die die Wikinger "Skrælingar" nannten, zur Aufgabe. Allerdings sind danach mehrere Fahrten zu den Waldgebieten Marklands belegt, die wohl zur Beschaffung von Holz, das es in Grönland nicht gab, getätigt wurden.

Die normannischen Kolonien auf Grönland gingen schließlich im 15. Jh. zugrunde. Das Klima hatte sich in der "kleinen Eiszeit" massiv verschlechtert und die vom Norden nachrückenden Inuit sorgten möglicherweise für zusätzlichen Ärger.


Zum Weiterlesen:

Klaus Böldl, Andreas Vollmer, Julia Zernack: Isländersagas 4: Die Vínlandsagas; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2011; ISBN 978-3-10-401687-0

Jörg-Peter Findeisen: Vinland - Die Entdeckungsfahrten der Wikinger von Island nach Grönland und Amerika: Erik der Rote, Bjarni Herjulfsson, Leif Eriksson und Thorfinn Karlsefni; Verlag Ludwig, Kiel, 2011; ISBN 978-3-86935-055-4

Magnus Magnusson, Hermann Pálsson: The Vinland Sagas - The Norse Discovery of America; Penguin Books, London, 1965; EISBN 978-0-141-90698-0